Nechbet: Geiergöttin und Landesgöttin von Oberägypten

Mit weit ausgebreiteten Schwingen schwebt ein Geier über dem Pharao, in seinen Fängen den Ring der Ewigkeit – dieses Bild findet sich an den Decken ägyptischer Tempel, auf Schlachtreliefs und im Grabschatz der Könige. Es zeigt Nechbet, die Landesgöttin von Oberägypten und Schutzgöttin des Pharaos. Gemeinsam mit der Kobragöttin Wadjet aus dem Norden bildete sie das göttliche Paar der „Beiden Herrinnen“, das seit der Reichseinigung die Einheit des Landes verbürgte. Während Wadjet als feuerspeiende Schlange die Feinde des Königs abwehrte, verkörperte Nechbet vor allem die mütterliche Seite des Schutzes: Sie hüllte den Herrscher in ihre Flügel, stand ihm bei der Geburt bei, nährte ihn als Kind und wachte über ihn bis ins Grab.

In der ägyptischen Mythologie gehört die Geiergöttin Nechbet zu den ältesten Gottheiten überhaupt. Ihre Heimat lag im Süden des Landes, in der Stadt Necheb, dem heutigen Elkab, gegenüber dem frühgeschichtlichen Königssitz Nechen, von dem aus die Einigung Ägyptens ihren Anfang nahm. Dieser Beitrag zeigt, warum die Ägypter ausgerechnet einen Geier zum Sinnbild mütterlicher Fürsorge machten, welche Aufgaben die ägyptische Göttin Nechbet im Leben des Königs erfüllte und welche Spuren sie in Tempeln, Gräbern und im Grabschatz des Tutanchamun hinterlassen hat.

Name, Gestalt und Herkunft

Der Name Nechbet bedeutet schlicht „die von Necheb“ und bezeichnet die Göttin nach ihrer Heimatstadt. Dargestellt wurde sie meist als großer Geier mit ausgebreiteten Flügeln, der in seinen Fängen das Schen-Zeichen hält, einen Ring, der für Ewigkeit und umfassenden Schutz steht. Als Vorbild gilt meist der in Ägypten heimische Gänsegeier. Daneben erscheint Nechbet als Frau mit einer Geierhaube, deren Flügel sich über den Kopf legen, und häufig mit der Weißen Krone Oberägyptens, mit der sie als Landesgöttin eng verbunden war. Seltener wird sie gemeinsam mit Wadjet, der Landesgöttin von Unterägypten, auf einem Korb sitzend oder in anderen Mischformen gezeigt. Ihre Wappenpflanze war die sogenannte Wappenlilie des Südens, das Gegenstück zum Papyrus des Deltas.

Necheb lag am Ostufer des Nils in Oberägypten, rund achtzig Kilometer südlich von Luxor. Genau gegenüber, auf der Westseite des Flusses, befand sich Nechen, das die Griechen Hierakonpolis, „Falkenstadt“, nannten. Diese Doppelstadt gehörte zu den bedeutendsten Zentren der Frühzeit: In Nechen residierten frühe Herrscher Oberägyptens, und dort wurde auch die berühmte Narmer-Palette gefunden, die als eines der ältesten Zeugnisse der Reichseinigung um 3000 vor Christus gilt. Wie im Norden die Seelen von Pe galten im Süden die schakalköpfigen Seelen von Nechen als mythische Ahnen der Könige. Nechbet war damit von Anfang an eng mit dem oberägyptischen Königtum verbunden, aus dem die Einigung des Landes hervorging.

Warum ein Geier?

Dass die Ägypter gerade den Geier zum Sinnbild einer schützenden, mütterlichen Göttin machten, mag heute überraschen, da er vor allem als Aasfresser bekannt ist. Für die Ägypter standen jedoch andere Eigenschaften im Vordergrund: die gewaltige Spannweite seiner Flügel, mit denen er seine Jungen bedeckt, und seine sorgsame Brutpflege. Das Hieroglyphenzeichen für das Wort „Mutter“ war ein Geier, und auch die thebanische Muttergöttin Mut wurde mit diesem Vogel geschrieben und dargestellt. Spätere griechische Autoren wie Horapollon verbreiteten sogar die Vorstellung, es gebe nur weibliche Geier, die vom Wind befruchtet würden – ein Irrtum, der das Bild des Geiers als reinste Verkörperung der Mutterschaft noch verstärkte. Die ausgebreiteten Schwingen der Nechbet wurden so zum Inbegriff göttlichen Schutzes.

  • Geier – Hauptgestalt der Göttin, mit schützend ausgebreiteten Flügeln.
  • Schen-Ring – Symbol der Ewigkeit, das der Geier in seinen Fängen hält.
  • Weiße Krone – Krone Oberägyptens, mit der Nechbet als Landesgöttin verbunden war.
  • Geierhaube – Kopfschmuck der Göttin und der Königinnen als Zeichen der Mutterschaft.
  • Wappenlilie – Wappenpflanze Oberägyptens als Gegenstück zum Papyrus des Nordens.

Die Beiden Herrinnen: Nechbet und Wadjet

Als Ober- und Unterägypten um 3000 vor Christus zu einem Reich vereint wurden, verband man die beiden Landesgöttinnen zu einem Paar: Nechbet für den Süden und Wadjet aus Buto für den Norden. Gemeinsam hießen sie die „Beiden Herrinnen“, und unter diesem Titel gingen sie in die offizielle Königstitulatur ein. Jeder Pharao trug einen sogenannten Nebti-Namen, mit dem er sich als Schützling der beiden Göttinnen und rechtmäßiger Herrscher über das ganze Land auswies. In der Bildsprache erscheint dieses Paar über Jahrtausende: Geier und Kobra sitzen nebeneinander auf Körben, die die Herrschaft symbolisieren, sie umrahmen den Namen des Königs oder krönen seine Stirn. Nechbet war dabei mit der Weißen Krone verbunden, Wadjet mit der Roten Krone, und in der Doppelkrone des Pharaos vereinten sich beide Landeshälften.

Besonders eindrucksvoll ist Nechbets Rolle als schützende Begleiterin des Königs im Kampf. Auf zahlreichen Tempelreliefs des Neuen Reiches schwebt ein Geier mit ausgebreiteten Flügeln über dem Pharao, während dieser in seinem Streitwagen gegen die Feinde Ägyptens anstürmt. Auch in der Architektur ist die Göttin allgegenwärtig: Die Decken von Tempeldurchgängen und die Korridore königlicher Gräber im Tal der Könige sind oft mit langen Reihen fliegender Geier bemalt, die den Weg des Königs und der Prozessionen beschirmen. Selbst auf Schmuckstücken und Amuletten des Königshauses erscheint der Geier mit ausgebreiteten Schwingen als Zeichen göttlicher Obhut. So wurde Nechbet zur sichtbaren Verkörperung eines Schutzes, der den König in Krieg und Frieden, im Leben wie im Tod begleitete.

Nechbet im Leben des Pharaos

Geburt – Nechbet als Geburtshelferin, von den Griechen mit Eileithyia gleichgesetzt
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Kindheit – Amme des Königs, die „große weiße Kuh von Necheb“
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Krönung – Weiße Krone Oberägyptens und Nebti-Name der Beiden Herrinnen
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Herrschaft und Krieg – der Geier schwebt schützend über dem König im Streitwagen
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Tod – Geierkragen und schützende Flügel auf Mumie und Sarg

Von der Geburt bis ins Grab – die mütterliche Schutzgöttin des Königs

Mutter, Amme und Geburtshelferin

Über den politischen Schutz hinaus galt Nechbet als mütterliche Göttin, die den König wie ein eigenes Kind umsorgte. In den Pyramidentexten wird sie als „große weiße Kuh von Necheb“ angesprochen, die den König säugt und ihn so mit göttlicher Kraft nährt. Die Vorstellung eines von einer Göttin gestillten Pharaos durchzieht die königliche Bildwelt: Szenen, in denen der junge König an der Brust einer Göttin trinkt, sollten zeigen, dass er göttliche Kraft buchstäblich mit der Muttermilch aufgenommen hatte. Nechbet wurde darüber hinaus als Beschützerin von Müttern und Neugeborenen verehrt. Ihre Fürsorge galt damit nicht nur dem Herrscher, sondern im Volksglauben auch den gewöhnlichen Menschen in den gefährlichen Momenten von Schwangerschaft und Geburt, in denen Mutter und Kind nach ägyptischer Vorstellung besonders schutzbedürftig waren.

Gleichsetzung mit der griechischen Göttin Eileithyia

Diese Verbindung mit der Geburt war so ausgeprägt, dass die Griechen Nechbet mit ihrer eigenen Geburtsgöttin Eileithyia gleichsetzten. Die Stadt Necheb hieß bei ihnen deshalb Eileithyiaspolis, die „Stadt der Eileithyia“. Auch die irdischen Königinnen profitierten vom mütterlichen Ansehen der Göttin: Seit dem Alten Reich trugen Königsgemahlinnen und Königsmütter die sogenannte Geierhaube, einen Kopfschmuck, bei dem sich die Flügel eines Geiers um den Kopf legen und dessen Kopf über der Stirn aufragt. Berühmte Beispiele finden sich in den Darstellungen der Königin Nefertari in ihrem prachtvoll bemalten Grab im Tal der Königinnen. Die Haube machte die Königin zur irdischen Verkörperung mütterlichen Schutzes und rückte sie in die Nähe der Göttinnen Nechbet und Mut.

Funktion / Aspekt Bedeutung in der Mythologie Wirkung in Kult und Königtum
Landesgöttin von Oberägypten Herrin von Necheb, dem heutigen Elkab Verbunden mit der Weißen Krone und der Wappenlilie
Eine der Beiden Herrinnen Partnerin der Kobragöttin Wadjet Nebti-Name in der Titulatur jedes Pharaos
Schutzgöttin des Pharaos Breitet ihre Flügel über den König Geier über dem König auf Schlachtreliefs und Tempeldecken
Amme des Königs „Große weiße Kuh von Necheb“ in den Pyramidentexten Bildmotiv des von einer Göttin gestillten Königs
Geburtsgöttin Beistand für Mütter und Neugeborene Griechische Gleichsetzung mit Eileithyia
Vorbild der Königinnen Geierhaube als Zeichen der Mutterschaft Kopfschmuck von Königinnen wie Nefertari

Elkab: Die Stadt der Geiergöttin Nechbet

Die Überreste von Necheb gehören zu den eindrucksvollsten Stätten Oberägyptens. Eine gewaltige, bis heute weithin sichtbare Umfassungsmauer aus Lehmziegeln umschließt das alte Stadtgebiet mit den Ruinen der Tempel der Nechbet, die über viele Jahrhunderte immer wieder erneuert wurden. In den Felsen am Rand des Wüstenplateaus liegen die Gräber bedeutender Beamter des frühen Neuen Reiches, darunter das des Flottenoffiziers Ahmose, Sohn der Ebana, dessen Grabinschrift als eine der wichtigsten Quellen zur Vertreibung der Hyksos gilt, und das des Paheri mit seinen lebendigen Szenen aus dem Landleben. Im nahe gelegenen Wüstental ließ König Amenophis III. der Landesgöttin von Oberägypten Nechbet einen kleinen Tempel errichten. Seit den 1930er Jahren wird Elkab von belgischen Archäologen erforscht, deren Arbeiten die lange Geschichte des Ortes von der Vorgeschichte bis in die griechisch-römische Zeit erschlossen haben.

Nechbet im Grabschatz des Tutanchamun und im Nachleben

Kaum ein Fund zeigt die Bedeutung der Geiergöttin Nechbet so eindrucksvoll wie der Grabschatz des Tutanchamun. Auf seiner goldenen Maske ragen an der Stirn Geierkopf und Kobra nebeneinander auf, die Beiden Herrinnen, die den jungen König auch im Tod beschützen. Auf der Mumie selbst lag ein biegsamer Kragen aus Gold und farbigen Einlagen in Gestalt eines Geiers mit ausgebreiteten Flügeln, und mehrere Brustschmuckstücke zeigen die Göttin Nechbet mit dem Schen-Ring in den Fängen. Die Flügel der Geiergöttin nechbet umfangen zudem auf dem innersten goldenen Sarg den Körper des Königs. Diese Häufung ist kein Zufall: Beim Übergang ins Jenseits sollte die mütterliche Schutzgöttin den Pharao ebenso sicher umhüllen, wie sie es zu Lebzeiten getan hatte.

Mit dem Ende der altägyptischen Religion erlosch der Kult der Landesgöttin von Oberägypten Nechbet, doch ihr Bild blieb lebendig. Der Geier mit den ausgebreiteten Schwingen gehört bis heute zu den bekanntesten Motiven der ägyptischen Kunst und schmückt Museen in aller Welt. Anders als ihre Partnerin Wadjet, deren Kobra als Uräus zum Inbegriff pharaonischer Macht wurde, steht Nechbet für eine leisere, aber nicht weniger wichtige Seite des Königtums: für Fürsorge, Geborgenheit und den Schutz des Lebens von der Geburt bis zum Tod. In ihr zeigt sich, wie eng im Alten Ägypten politische Macht und mütterliche Obhut miteinander verbunden waren – und wie selbstverständlich die Ägypter einem Vogel, den spätere Kulturen vor allem mit dem Tod verbanden, die Rolle einer liebevollen Beschützerin zuschrieben.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen zur Landesgöttin von Oberägypten Nechbet

Wer war Nechbet?

Nechbet war die Landesgöttin von Oberägypten und Schutzgöttin des Pharaos in der ägyptischen Mythologie. Ihr Name bedeutet „die von Necheb“ nach ihrer Heimatstadt, dem heutigen Elkab. Sie wurde vor allem als Geier mit ausgebreiteten Flügeln dargestellt und galt als mütterliche Beschützerin des Königs.

Warum wurde Nechbet als Geier dargestellt?

Für die Ägypter stand der Geier nicht für den Tod, sondern für mütterliche Fürsorge: Er bedeckt seine Jungen mit seinen gewaltigen Flügeln, und das Hieroglyphenzeichen für „Mutter“ war ein Geier. Die ausgebreiteten Schwingen der Nechbet wurden so zum Sinnbild göttlichen Schutzes für den König und sein Land.

Was ist der Unterschied zwischen Nechbet und Wadjet?

Nechbet war die Geiergöttin Oberägyptens und mit der Weißen Krone verbunden, Wadjet die Kobragöttin Unterägyptens und mit der Roten Krone verbunden. Gemeinsam bildeten sie die Beiden Herrinnen, die im Nebti-Namen des Pharaos erscheinen. Während Wadjet als Uräus Feinde abwehrte, stand Nechbet vor allem für mütterlichen Schutz.

Wo wurde Nechbet verehrt?

Das Kultzentrum der Nechbet lag in Necheb, dem heutigen Elkab am Ostufer des Nils südlich von Luxor, gegenüber der frühgeschichtlichen Königsstadt Nechen. Dort befinden sich Tempelruinen, eine gewaltige Umfassungsmauer und Beamtengräber des Neuen Reiches; die Griechen nannten den Ort Eileithyiaspolis.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel basiert auf historischen und epigrafischen Überlieferungen der ägyptischen Antike, insbesondere den Pyramidentexten, der königlichen Titulatur mit dem Nebti-Namen, Tempel- und Grabreliefs des Neuen Reiches sowie der Schrift des Horapollon, ergänzt durch archäologische Befunde aus Elkab, Hierakonpolis und dem Grab des Tutanchamun und durch anerkannte Standardwerke der Ägyptologie. Einzelne Zuordnungen, etwa zur genauen Geierart oder zu Beinamen der Göttin, werden in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Alle Angaben ohne Gewähr.

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Stand der Informationen: Juni 2026



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