Nut: Himmelsgöttin in der ägyptischen Mythologie

Himmelsgöttin Nut in der ägyptischen MythologieKaum ein Bild der ägyptischen Religion hat sich so tief in das kulturelle Gedächtnis eingeprägt wie jenes der Himmelsgöttin Nut: eine langgestreckte, mit Sternen übersäte Frau, die sich auf Händen und Füßen über die Erde wölbt, während unter ihr der Erdgott Geb liegt. Diese Darstellung, die auf zahllosen Sargdeckeln, Tempeldecken und Papyri erhalten ist, bringt ein Weltbild zum Ausdruck, das sich grundlegend von dem der meisten anderen antiken Kulturen unterscheidet – denn in Ägypten war der Himmel weiblich und die Erde männlich, eine Umkehrung der sonst üblichen Zuordnung.Nut war jedoch weit mehr als eine bloße Personifikation des Firmaments. Sie war Mutter der wichtigsten Götter des ägyptischen Pantheons, tägliche Gebärerin und Verschlingerin der Sonne und – für die Ägypter besonders bedeutsam – Schutzgöttin der Toten, in deren Leib die Verstorbenen aufgenommen wurden, um wie die Sonne selbst zu neuem Leben wiedergeboren zu werden.

Name, Wesen und ikonographische Grundform

Der altägyptische Name der Göttin lautete Nut und wurde mit einem Zeichen geschrieben, das einen Wassertopf darstellt – ein Hinweis auf die ägyptische Vorstellung vom Himmel als einem Gewässer, über das die Sonnenbarke fährt. Diese Verbindung zwischen Himmel und Wasser durchzieht die gesamte ägyptische Kosmologie und erklärt, warum der Sonnengott Ra seinen Weg über das Firmament in einem Schiff und nicht etwa in einem Wagen zurücklegt, wie es griechische und römische Vorstellungen nahelegten.

In der bildlichen Darstellung erscheint Nut fast immer in derselben charakteristischen Haltung: als nackte oder mit einem engen Sternenkleid bekleidete Frau, deren Körper sich von Horizont zu Horizont spannt, die Fingerspitzen im Westen, die Zehen im Osten aufgesetzt. Ihr Leib ist mit Sternen übersät, gelegentlich auch mit der Sonnenbarke, die ihn entlangfährt. Seltener erscheint sie als Himmelskuh, eine Gestalt, die sie mit der Göttin Hathor teilt und die vor allem im Mythos von der Himmelskuh eine Rolle spielt.

Die Stellung der Nut in der Neunheit von Heliopolis

Innerhalb der heliopolitanischen Schöpfungslehre nimmt die Göttin Nut einen festen Platz in der dritten Generation ein. Aus dem Urwasser Nun erhob sich der Schöpfergott Atum beziehungsweise Ra, der Schu, die Luft, und Tefnut, die Feuchtigkeit, hervorbrachte. Deren Kinder wiederum waren Geb, die Erde, und Nut, der Himmel – ein Geschwisterpaar, das zugleich als Ehepaar galt.

Aus dieser Verbindung gingen vier, in mancher Überlieferung fünf Gottheiten hervor, die zu den bedeutendsten der gesamten ägyptischen Religion zählen: Osiris, Isis, Seth und Nephthys, gelegentlich ergänzt um Horus den Älteren. Nut steht damit genealogisch am Ursprung des gesamten Osiris-Mythenkreises, jener Erzählung von Mord, Trauer und Wiederauferstehung, die das ägyptische Jenseitsdenken über Jahrtausende prägte.

  • Der Sternenleib – Ihr wichtigstes Merkmal, übersät mit Sternen, die den Nachthimmel darstellen und ihre Identität als Firmament ausdrücken.
  • Der Wassertopf – Das Schriftzeichen ihres Namens, Hinweis auf den Himmel als Gewässer, über das die Sonnenbarke fährt.
  • Die gewölbte Haltung – Hände im Westen, Füße im Osten aufgesetzt, der Körper spannt sich über die gesamte Erde.
  • Die Sonnenscheibe – Wandert durch ihren Leib, wird morgens geboren und abends von ihr verschlungen.
  • Die Sykomore – Der Baum, in dessen Gestalt sie Verstorbenen Wasser und Nahrung spendet, häufig auf Grabmalereien dargestellt.

Die Trennung von Himmel und Erde

Einer der zentralen Mythen um Nut erzählt von ihrer gewaltsamen Trennung von ihrem Bruder und Gemahl Geb. Der Überlieferung nach lagen die beiden ursprünglich in enger Umarmung aufeinander, sodass zwischen Himmel und Erde kein Raum blieb – ein Zustand, der die Entstehung der Welt und allen Lebens verhinderte. Erst als ihr Vater Schu, der Gott der Luft, sich zwischen sie stellte und Nut mit erhobenen Armen emporhob, entstand jener Zwischenraum, in dem sich das Leben entfalten konnte.

Diese Szene gehört zu den am häufigsten dargestellten Motiven der gesamten ägyptischen Kunst: Geb liegt am Boden, oft mit angewinkeltem Knie, das die Berge symbolisiert, während Schu die gebogene Nut über ihm hält, häufig unterstützt von zwei Widderköpfigen Helfergestalten. Der Mythos erklärt damit nicht nur die räumliche Struktur der Welt, sondern auch das Element Luft als jene Kraft, die Himmel und Erde dauerhaft voneinander getrennt hält.

Die fünf Zusatztage und die Geburt der Götter

Eine weitere bedeutende Erzählung erklärt, wie die Himmelsgöttin Nut ihre Kinder überhaupt zur Welt bringen konnte. Nach dieser Überlieferung, die vor allem der griechische Autor Plutarch ausführlich schildert, hatte Ra erfahren, dass ein Kind der Nut ihn dereinst vom Thron stürzen würde, und verfluchte sie daraufhin: Sie solle an keinem Tag des Jahres gebären können.

Der weise Gott Thoth kam ihr zu Hilfe, indem er dem Mondgott im Brettspiel fünf zusätzliche Tage abgewann und diese dem damals 360 Tage umfassenden Jahr hinzufügte. Da diese fünf Epagomenen zu keinem regulären Tag des Jahres gehörten, konnte Nut an ihnen ungehindert ihre Kinder gebären – Osiris, Horus den Älteren, Seth, Isis und Nephthys, an jedem Tag eines. Der Mythos verbindet damit die Genealogie der wichtigsten Götter unmittelbar mit der Struktur des ägyptischen Kalenders.

Nut in der Neunheit von Heliopolis

Erste Generation

Atum / Ra – Schöpfergott

Zweite Generation

Schu (Luft)

Tefnut (Feuchtigkeit)

Dritte Generation

Nut ★
Himmel

Geb
Erde

Getrennt durch Schu, der Nut emporhob

↓ Geboren an den fünf Zusatztagen ↓
Osiris
Isis
Seth
Nephthys
Horus d. Ä.

Die tägliche Geburt und Verschlingung der Sonne

Eines der eindrucksvollsten Bilder der ägyptischen Kosmologie beschreibt den Sonnenlauf als einen täglich wiederkehrenden Zyklus innerhalb des Körpers der Himmelsgöttin Nut. Am Abend, so die Vorstellung, verschlingt die Göttin die Sonnenscheibe, die daraufhin die Nacht über durch ihren Leib wandert, um am Morgen zwischen ihren Schenkeln neu geboren zu werden – ein Vorgang, den zahlreiche Tempeldecken in beeindruckender Bildlichkeit festhalten.

Besonders ausgeprägt ist diese Darstellung in den sogenannten Nutbüchern, astronomischen Texten aus dem Neuen Reich, die etwa an der Decke des Grabes Ramses‘ IV. und im Osireion von Abydos erhalten sind. Sie verbinden die mythologische Erzählung mit tatsächlicher astronomischer Beobachtung und listen die Dekansterne auf, jene Sternengruppen, deren Auf- und Untergang den Ägyptern zur nächtlichen Zeitmessung diente. Nut ist hier zugleich Mythos und Sternkarte.

Der Widerspruch als theologisches Prinzip

Dass Nut die Sonne zugleich gebiert und verschlingt, dass sie also Mutter und Verzehrerin desselben Wesens ist, empfanden die Ägypter nicht als logischen Widerspruch. Ihre Theologie arbeitete durchweg mit solchen Doppelungen, weil sie zyklische Vorgänge beschrieb, in denen Ende und Anfang zusammenfallen. Der Sonnenuntergang ist zugleich der Beginn der nächtlichen Reise, aus der die Wiedergeburt hervorgeht.

Dieselbe Logik gilt für ihr Verhältnis zu Ra: In manchen Texten ist sie seine Tochter, in anderen seine Mutter, gelegentlich beides innerhalb desselben Textes. Diese Flexibilität ist kein Zeichen unausgereiften Denkens, sondern Ausdruck einer Religion, die göttliche Beziehungen nicht als starre Verwandtschaftsverhältnisse, sondern als funktionale Zuordnungen verstand, die je nach Kontext wechseln konnten.

Nut als Schutzgöttin der Toten

Aus dem Bild der täglichen Wiedergeburt der Sonne erwuchs Nuts vielleicht wichtigste Funktion für die ägyptische Alltagsreligion: die einer Schutzgöttin der Verstorbenen. Wenn die Sonne jede Nacht in ihrem Leib die Unterwelt durchquert und morgens erneuert wieder hervortritt, dann kann derselbe Vorgang auch dem Menschen zuteilwerden, der in ihren Schoß aufgenommen wird.

Diese Vorstellung schlug sich unmittelbar in der Bestattungspraxis nieder. Auf der Innenseite zahlloser Sargdeckel wurde Nut abgebildet, sodass sie sich unmittelbar über dem Gesicht des Verstorbenen wölbte und ihn buchstäblich in ihren Körper aufnahm. Die Sargtexte und das Totenbuch enthalten entsprechende Formeln, in denen die Göttin angerufen wird, den Toten wie ihr eigenes Kind zu bergen und ihm die Wiedergeburt zu gewähren.

Funktion / Aspekt Bedeutung in der Mythologie Wirkung in Kult und Bestattung
Himmelsgöttin Wölbt sich als Sternenfrau über die Erde Zentrales Bildmotiv auf Tempeldecken und Sargdeckeln
Trennung von Geb Von Schu emporgehoben, wodurch Raum für Leben entstand Erklärte die räumliche Grundstruktur der Welt
Mutter der Götter Gebar Osiris, Isis, Seth und Nephthys an den fünf Zusatztagen Verband Göttergenealogie mit dem ägyptischen Kalender
Sonnengebärerin Verschlingt die Sonne abends, gebiert sie morgens neu Grundlage der Nutbücher mit Dekansternen zur Zeitmessung
Totenschützerin Nimmt Verstorbene in ihren Leib auf wie die Sonne Darstellung auf Sarginnenseiten, Anrufungsformeln im Totenbuch

Die Sykomore und das Nachleben der Himmelsgöttin Nut

Eine weitere, im Alltag der Ägypter präsente Erscheinungsform der Nut war die der Baumgöttin. In Gestalt einer Sykomore, jenes schattenspendenden Feigenbaums, der in Ägypten häufig an Gräbern gepflanzt wurde, reicht sie dem Verstorbenen Wasser und Nahrung. Grabmalereien zeigen diese Szene immer wieder: Ein Oberkörper wächst aus dem Stamm des Baumes hervor und neigt sich mit Krug und Speiseteller dem Toten oder seinem Ba-Vogel entgegen.

Diese Verbindung von kosmischer Größe und ganz konkreter Fürsorge macht das Besondere der Himmelsgöttin Nut aus. Sie war einerseits das gesamte Firmament, andererseits jene Gestalt, die dem einzelnen Verstorbenen einen Becher Wasser reichte. Die ägyptische Religion überdauerte in dieser Doppelung mehr als drei Jahrtausende, und das Bild der sternenübersäten Frau über der Erde zählt bis heute zu den bekanntesten Darstellungen, die aus dem Niltal auf uns gekommen sind.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen zur ägyptischen Himmelsgöttin Nut

Wer war Nut in der ägyptischen Mythologie?

Nut war die ägyptische Himmelsgöttin, Tochter des Luftgottes Schu und der Tefnut sowie Schwester und Gemahlin des Erdgottes Geb. Sie wurde als sternenübersäte Frau dargestellt, die sich über die Erde wölbt, und gebar Osiris, Isis, Seth und Nephthys.

Warum wurden Nut und Geb voneinander getrennt?

Nut und Geb lagen ursprünglich in enger Umarmung aufeinander, sodass zwischen Himmel und Erde kein Raum für Leben blieb. Ihr Vater Schu, der Gott der Luft, stellte sich zwischen sie und hob Nut mit erhobenen Armen empor, wodurch der Zwischenraum entstand, in dem sich die Welt entfalten konnte.

Was hat Nut mit den fünf Zusatztagen des Kalenders zu tun?

Ra hatte Nut verflucht, an keinem Tag des Jahres gebären zu können. Thoth gewann daraufhin im Brettspiel fünf zusätzliche Tage, die zu keinem regulären Jahrestag gehörten. An diesen Epagomenen brachte Nut ihre fünf Kinder zur Welt, je eines pro Tag.

Warum wurde Nut auf Sargdeckeln abgebildet?

Wie die Sonne jede Nacht durch Nuts Leib wandert und morgens neu geboren wird, sollte auch der Verstorbene in ihrem Schoß Wiedergeburt finden. Auf der Innenseite von Sargdeckeln abgebildet, wölbte sie sich unmittelbar über dem Gesicht des Toten und nahm ihn so in ihren Körper auf.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel basiert auf historischen und epigrafischen Überlieferungen der ägyptischen Antike, insbesondere den Pyramiden- und Sargtexten, dem Totenbuch sowie den astronomischen Nutbüchern, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der Ägyptologie. Antike Götterkulte und mythische Genealogien unterliegen in der modernen Forschung unterschiedlichen Interpretationsansätzen. Alle Angaben ohne Gewähr.

Stand der Informationen: Juni 2026



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