Anubis: Gott der Mumifizierung in der ägyptischen Mythologie

Anubis war der Gott der Mumifizierung in der ägyptischen MythologieKaum ein Bild ist so eng mit dem Alten Ägypten verbunden wie das eines schwarzen Hundes oder eines Mannes mit dem Kopf eines Schakals, der sich über eine Mumie beugt. Anubis, der Gott der Mumifizierung, begleitete die Ägypter über mehr als drei Jahrtausende auf ihrem Weg in den Tod und darüber hinaus. Er wachte über die Friedhöfe am Rand der Wüste, leitete die Einbalsamierung der Verstorbenen, führte sie in die Unterwelt und stand beim Totengericht an der Waage, auf der ihr Herz gegen die Feder der Maat gewogen wurde. Kein anderer ägyptischer Gott war so unmittelbar mit dem Übergang vom Leben in die Ewigkeit verbunden, und kaum einer wurde so häufig in Gräbern, auf Särgen und in Totenbüchern dargestellt.

Dabei war Anubis in der ägyptischen Mythologie keineswegs immer nur der Helfer eines anderen. Bevor Osiris im Laufe des Alten Reiches zum Herrscher des Jenseits aufstieg, galt Anubis selbst als wichtigster Gott der Toten. Seine Geschichte ist deshalb auch die Geschichte eines Bedeutungswandels: vom Herrn der Nekropolen zum treuen Diener und Einbalsamierer des Osiris, ohne dass er dabei je an Beliebtheit verloren hätte. Dieser Beitrag zeigt, woher der schakalgestaltige Gott stammt, welche Aufgaben er im Totenkult erfüllte und warum sein Bild bis heute so viele Menschen fasziniert.

Herkunft, Name und Gestalt

Anubis gehört zu den ältesten Göttern Ägyptens. Sein Name, ägyptisch Inpu, ist bereits in Zeugnissen aus der Frühzeit um 3000 vor Christus belegt; die heute geläufige Form Anubis geht auf die griechische Wiedergabe zurück. Die Bedeutung des Namens ist unsicher, vorgeschlagen wurden unter anderem Verbindungen zu einem Wort für ein Königskind oder zu einem Ausdruck für Verwesung. Aufschlussreicher sind seine zahlreichen Beinamen, die seine Aufgaben beschreiben: Er hieß „der auf seinem Berg ist“, weil er von den Anhöhen der Wüste über die Gräber wachte, „der in der Balsamierungsstätte ist“ und „Erster der Gotteshalle“, womit das Zelt gemeint war, in dem die Einbalsamierung stattfand. Als „Herr des heiligen Landes“ galt er zudem als Gebieter über die Nekropole selbst.

Dargestellt wurde Anubis entweder als liegender schwarzer Hund oder Schakal oder als Mann mit dem Kopf eines solchen Tieres. Das Vorbild war vermutlich ein wildes Hundetier, das nachts an den Wüstenrändern umherstreifte, wo die Ägypter ihre Toten bestatteten, und dabei Gräber aufscharrte. Genetische Untersuchungen von 2015 zeigen, dass es sich beim sogenannten ägyptischen Schakal in Wahrheit um den Afrikanischen Goldwolf handelt. Indem die Ägypter gerade dieses gefürchtete Tier zum Beschützer der Friedhöfe machten, verwandelten sie eine Bedrohung in eine schützende Macht. Die schwarze Farbe des Gottes entspricht dabei nicht der Natur des Tieres, sondern war symbolisch: Schwarz war die Farbe des fruchtbaren Nilschlamms und damit der Wiedergeburt, zugleich aber auch die Farbe des mit Harzen behandelten Mumienkörpers.

Wechselnde Eltern und eine eigene Familie

Über die Abstammung des Anubis gab es im Laufe der ägyptischen Geschichte sehr unterschiedliche Vorstellungen. In frühen Texten erscheint er als Sohn des Sonnengottes Ra, andere Überlieferungen nennen die Kuhgöttin Hesat oder die Katzengöttin Bastet als seine Mutter. Durchgesetzt hat sich schließlich die Verbindung mit dem Osiris-Kreis: Nach der ausführlichen Darstellung des griechischen Autors Plutarch war Anubis ein Sohn des Osiris und der Nephthys, die das Kind aus Furcht vor ihrem Gemahl Seth aussetzte. Isis suchte den Säugling mithilfe von Hunden, zog ihn auf und machte ihn zu ihrem Wächter und Begleiter. Anubis besaß zudem eine weibliche Entsprechung namens Anput und eine Tochter, Kebechet, eine Göttin des reinigenden, kühlen Wassers, die den Verstorbenen Erfrischung spendete.

  • Tepi-djuef – „Der auf seinem Berg ist“, Wächter der Nekropole auf den Höhen der Wüste.
  • Imi-ut – „Der in der Balsamierungsstätte ist“, Herr der Einbalsamierung.
  • Chenti-seh-netjer – „Erster der Gotteshalle“, Vorsteher des Balsamierungszeltes.
  • Neb-ta-djeser – „Herr des heiligen Landes“, Gebieter über die Friedhöfe.
  • Imiut-Fetisch – Kultsymbol aus einem kopflosen Tierfell an einem Stab, eng mit Anubis verbunden.

Vom Herrn der Toten zum Diener des Osiris

In der Frühzeit und im Alten Reich war der ägyptische Gott Anubis der eigentliche Gott der Toten. Das zeigt besonders die Opferformel, die auf unzähligen Grabwänden und Scheintüren stand und dem Verstorbenen im Namen des Königs Brot, Bier, Rinder und Geflügel für das Jenseits zusicherte. In den ältesten Fassungen dieser Formel wird Anubis als der Gott genannt, der die Gaben gewährt. Erst im Laufe des späten Alten Reiches, etwa ab der fünften Dynastie, trat Osiris an seine Seite und verdrängte ihn schließlich von der ersten Stelle. Diese Entwicklung spiegelt einen tiefgreifenden religiösen Wandel wider: Die Hoffnung auf ein Weiterleben verband sich zunehmend mit dem Mythos vom getöteten und wiederbelebten Osiris, der zum Herrscher der Unterwelt aufstieg.

Der Gott Anubis verlor dadurch jedoch nicht an Bedeutung, sondern erhielt einen festen Platz in diesem neuen Weltbild. Im Osiris-Mythos ist er es, der gemeinsam mit Isis und Nephthys den Leichnam des von Seth ermordeten Gottes zusammenfügt, ihn salbt, mit Binden umwickelt und so zur ersten Mumie der Welt macht. Weil diese Einbalsamierung Osiris das Weiterleben im Jenseits ermöglichte, wurde sie zum Vorbild für jede spätere Bestattung. Anubis wurde damit zum Schutzherrn aller Balsamierer, zum Begleiter der Toten auf ihrem Weg in die Duat und zum Hüter der Grabstätten. Aus dem einstigen Herrn der Toten war ein unentbehrlicher Diener des Totengottes geworden, dessen Hilfe jeder Ägypter für sein eigenes Nachleben erhoffte.

Anubis auf dem Weg der Verstorbenen

1. Einbalsamierung – rund siebzig Tage im Balsamierungszelt, Anubis als Schutzherr der Balsamierer
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2. Mundöffnung – Anubis stützt die aufgerichtete Mumie vor dem Grab
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3. Geleit in die Duat – Anubis führt die Verstorbenen durch die Unterwelt
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4. Herzwägung – Anubis prüft die Waage, Thot schreibt das Urteil auf
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Leichtes Herz
Eintritt ins Reich des Osiris
Schweres Herz
wird von Ammit verschlungen

Vom Balsamierungszelt bis zur Halle der beiden Wahrheiten – Anubis begleitet jeden Schritt

Der Gott der Mumifizierung

Die Mumifizierung war im Alten Ägypten ein aufwendiges Ritual, das nach Herodot bei den teuersten Verfahren rund siebzig Tage dauerte. In einem Balsamierungszelt, das als Halle des Anubis galt, entfernten die Balsamierer die inneren Organe, trockneten den Körper mit Natron, salbten ihn mit Ölen und Harzen und umhüllten ihn mit Leinenbinden, zwischen die Schutzamulette gelegt wurden. Der leitende Priester verkörperte dabei Anubis selbst. Dass er dazu tatsächlich eine Maske des Gottes tragen konnte, legt ein seltenes Fundstück nahe: eine Anubis-Maske aus Keramik mit Sehlöchern, die heute im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim aufbewahrt wird. Die Gleichsetzung von Priester und Gott machte deutlich, dass die Balsamierung nicht bloß handwerkliche Arbeit war, sondern die Wiederholung jenes göttlichen Aktes, mit dem Anubis einst Osiris bewahrt hatte.

Am Ende der Einbalsamierung stand das Ritual der Mundöffnung, durch das die Mumie symbolisch ihre Sinne zurückerhielt, um im Jenseits essen, sprechen und atmen zu können. Zahlreiche Grabbilder zeigen, wie Anubis die aufgerichtete Mumie vor dem Grabeingang stützt, während Priester sie mit Ritualgeräten berühren. Nicht zu verwechseln ist Anubis dabei mit anderen hundegestaltigen Göttern: Upuaut, der „Öffner der Wege“ aus Assiut, erscheint ebenfalls als Canide, war aber vor allem ein kriegerischer Wegbereiter, und Duamutef, einer der vier Horussöhne mit Schakalkopf, bewachte in den Kanopenkrügen den Magen des Verstorbenen. Anubis selbst blieb der Gott, der über den gesamten Prozess der Einbalsamierung wachte und dessen Schutz die Unversehrtheit des Körpers für die Ewigkeit sichern sollte.

Anubis beim Totengericht

Seine bekannteste Rolle spielt der ägyptische Gott Anubis in der Szene des Totengerichts, wie sie im 125. Kapitel des Totenbuchs beschrieben und auf unzähligen Papyri dargestellt ist. Der Verstorbene wird in die Halle der beiden Wahrheiten geführt, wo er vor zweiundvierzig Richtern beteuert, keine Vergehen begangen zu haben. Anschließend legt Anubis das Herz des Toten, nach ägyptischer Vorstellung Sitz von Verstand und Gewissen, auf eine Waagschale und die Feder der Maat, Sinnbild von Wahrheit und Ordnung, auf die andere. Er prüft das Lot der Waage, während der ibisköpfige Thot das Ergebnis aufschreibt. Neben der Waage lauert Ammit, ein Mischwesen aus Krokodil, Löwe und Nilpferd, bereit, ein mit Schuld beladenes Herz zu verschlingen. Wer die Prüfung bestand, durfte als Gerechtfertigter vor Osiris treten und im Jenseits weiterleben.

Funktion / Aspekt Bedeutung in der Mythologie Wirkung im Totenkult
Früher Totengott In den ältesten Opferformeln als Spender der Gaben genannt Ab dem späten Alten Reich hinter Osiris zurückgetreten
Wächter der Nekropole „Der auf seinem Berg ist“, Schutz der Gräber Anrufung in Grabinschriften der Friedhöfe
Einbalsamierer des Osiris Schuf die erste Mumie der Welt Vorbild und Schutzherr aller Balsamierer
Gott der Mumifizierung „Erster der Gotteshalle“ Priester verkörperten ihn, teils mit Masken
Totengeleiter Führt die Verstorbenen durch die Duat Griechische Gleichsetzung mit Hermes als Hermanubis
Hüter der Waage Prüft die Herzwägung beim Totengericht Zentrale Szene des Totenbuchs, Kapitel 125

Kultorte und Tiermumien

Obwohl der Gott der Mumifizierung Anubis in fast jedem Grab gegenwärtig war, besaß er auch eigene Kultorte. Die Griechen nannten eine Stadt in Mittelägypten Kynopolis, „Hundestadt“, weil dort Anubis besonders verehrt wurde. Bedeutend war vor allem die Nekropole von Sakkara bei Memphis, wo sich ein ihm geweihter Tempelbezirk, das Anubieion, befand. In den dortigen Katakomben des Anubis wurden nach Untersuchungen eines britischen Forschungsteams aus dem Jahr 2015 rund acht Millionen mumifizierte Tiere bestattet, überwiegend Hunde, viele davon nur wenige Stunden oder Tage alt. Pilger erwarben diese Tiermumien vermutlich als Weihegaben, um ihre Bitten dem Gott näherzubringen. Die gewaltige Zahl zeigt, wie volkstümlich der Anubis-Kult in der Spät- und Ptolemäerzeit war – und welcher regelrechte Wirtschaftszweig sich um die Aufzucht und Mumifizierung der Tiere entwickelte.

Anubis in griechisch-römischer Zeit und heute

Als Griechen und Römer mit der ägyptischen Religion in Berührung kamen, erkannten sie in dem ägyptischen Gott Anubis eine Entsprechung zu ihrem eigenen Seelengeleiter Hermes. Daraus entstand die Mischgestalt Hermanubis, die die Züge beider Götter vereinte. Mit dem Kult der Isis verbreitete sich die Verehrung des Anubis über das gesamte Römische Reich; in den Prozessionen der Göttin schritt Anubis mit hoch erhobenem Hundekopf voran, wie der römische Schriftsteller Apuleius in seinem Roman „Der goldene Esel“ schildert. Nicht alle Römer waren von dem tierköpfigen Gott angetan: Vergil nannte ihn in der Aeneis spöttisch den „bellenden Anubis“, und auch spätere Satiriker machten sich über ihn lustig. Für die Anhänger der Isis-Mysterien blieb er dagegen der treue Begleiter der Göttin und Führer der Seelen.

Die moderne Faszination für den Gott der Mumifizierung Anubis begann spätestens mit der Entdeckung des Grabes des Tutanchamun im Jahr 1922. Am Eingang der Schatzkammer lag, wie ein Wächter, eine fast lebensgroße Figur des Anubis als schwarzer, liegender Schakal auf einem vergoldeten Schrein – eines der eindrucksvollsten Stücke des gesamten Grabschatzes. Seitdem ist der Gott aus der Populärkultur nicht mehr wegzudenken: Er erscheint in Filmen über wiedererwachte Mumien, in Romanen, Comics und Videospielen, meist als düsterer Herr des Todes. Dieses Bild wird ihm jedoch nur zum Teil gerecht. Für die Menschen im Alten Ägypten war Anubis kein Schreckensgott, sondern ein Beschützer, der den Verstorbenen durch die gefährlichste Phase ihrer Existenz half – vom Tod über die Einbalsamierung bis zum Eintritt in die Ewigkeit.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen zum Gott der Mumifizierung Anubis

Wer war Anubis?

Anubis war ein ägyptischer Gott der Mumifizierung, der Friedhöfe und des Totengeleits. Im Alten Reich galt er als wichtigster Gott der Toten, später wurde er zum Einbalsamierer und Helfer des Osiris. Dargestellt wurde er als schwarzer Hund oder Schakal oder als Mann mit Schakalkopf.

Warum hat Anubis einen Schakalkopf?

Hundeartige Tiere, heute als Afrikanische Goldwölfe bestimmt, streiften an den Wüstenrändern umher, wo die Ägypter ihre Toten bestatteten. Indem man dieses gefürchtete Tier zum Beschützer der Friedhöfe machte, wurde eine Bedrohung in eine schützende Macht verwandelt. Seine schwarze Farbe symbolisierte den fruchtbaren Nilschlamm und die Wiedergeburt.

Welche Rolle spielte Anubis beim Totengericht?

Beim Totengericht, das im 125. Kapitel des Totenbuchs beschrieben ist, wog Anubis das Herz des Verstorbenen gegen die Feder der Maat und prüfte die Waage, während Thot das Ergebnis aufschrieb. War das Herz zu schwer, verschlang es das Mischwesen Ammit; bestand der Tote, durfte er vor Osiris treten.

Wer waren die Eltern des Anubis?

Die Überlieferung ist uneinheitlich. Frühe Texte nennen den Sonnengott Ra als Vater, andere die Kuhgöttin Hesat oder die Katzengöttin Bastet als Mutter. Nach Plutarch war Anubis ein Sohn von Osiris und Nephthys, der von Isis aufgezogen wurde. Diese Version setzte sich in späterer Zeit weitgehend durch.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel basiert auf historischen und epigrafischen Überlieferungen der ägyptischen Antike, insbesondere den Opferformeln in Gräbern des Alten Reiches, den Pyramidentexten und dem Totenbuch, ergänzt durch die Berichte Herodots, Plutarchs Schrift Über Isis und Osiris, Apuleius sowie archäologische Funde wie die Tierkatakomben von Sakkara und den Grabschatz des Tutanchamun und durch anerkannte Standardwerke der Ägyptologie. Die Angaben zur Abstammung des Anubis und zur Bedeutung seines Namens variieren in den Quellen und werden in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Alle Angaben ohne Gewähr.

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Stand der Informationen: Juni 2026



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